Offener Brief zur neuen zentralen Erstaufnahme in Bamberg

Sehr geehrte Frau Staatsministerin Müller,
wie wir erfahren haben, soll die Erstaufnahmeeinrichtung in Bayreuth geschlossen werden und alle Funktionen dieser in Bamberg gebündelt werden. In dieser Einrichtung in Bamberg können bis zu 4500 Personen auf engem Raum untergebracht werden. Dies halten wir aus mehreren Gründen für eine falsche Entscheidung.

Eine Unterbringung in großen Einrichtungen birgt generell die Gefahr einer starken Isolation bei gleichzeitiger Einschränkung der Privatsphäre. Der Lagercharakter ist zudem hinderlich für Integrationsbemühungen, da die Möglichkeiten, die Gesellschaft kennen zu lernen, sehr eingeschränkt sind. Zudem sind sehr große Lager für Kinder schwierig, die in Ihrer Entwicklung vor allem auf Schutz, Fürsorge und ein angenehmes Umfeld zum Lernen und Spielen angewiesen sind. Solange das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge mit der Bearbeitung der Asylanträge mehrere Monate braucht, ist zu befürchten, dass die Frustration der Menschen die Integration langfristig erschwert. Dafür sorgen vor allem die größere Anonymität, der geringere Kontakt zu Ehrenamtlichen und die mit der Zeit stetig steigende Perspektivlosigkeit.

Auch für die ehrenamtlichen und hauptamtlichen Kräfte ist eine Großeinrichtung, wie sie in Bamberg geplant ist, eine große Herausforderung; insbesondere mit der Gefahr einer Überlastung. Eine Koordination der notwendigen Anzahl an Fachkräften wie z.B. Sozialarbeiter*innen, Psycholog*innen und Ärzt*innen und weiteren unterstützenden Ehrenamtlichen ist schwer zu stemmen. Für die schon entstandenen und gewachsenen Integrationsleistungen von Ehrenamtlichen und Geflüchteten in der Fläche des ganzen Landes ist diese Entscheidung ein großer Rückschlag. Die örtlichen Unterstützer*innengruppen sind frustriert, entstandene und entstehende langfristige Projekte werden entwurzelt. Wir verstehen einfach nicht, warum die schwierige Begleitung bei den ersten Schritten in Deutschland nicht auf viele Schultern an verschiedenen Orten in ganz Bayern verteilt wird. Sollten kurzfristige Geldeinsparungen dieser Entscheidung zu Grunde liegen halten wir das für nicht zielführend: Die langfristigen Folgekosten für die Betreuung der Betroffenen, der Schaden an den beiderseitigen Integrationsbemühungen und die gesellschaftlichen Verwerfungen werden mittelfristig deutlich höhere finanzielle und ideelle Kosten verursachen.

Zudem möchten wir daran erinnern, dass die besondere Situation im letzten Jahr ohne die Anstrengungen der Ehrenamtlichen nicht lösbar gewesen wäre. Wir glauben daher nicht, dass die Bewältigung der Aufgaben einer großen Einrichtung ohne Ehrenamtliche möglich ist.

Aus unserer Perspektive kann eine Unterbringung in einer großen Erstaufnahmeeinrichtung für maximal fünf bis sieben Tage erfolgen, für längere Zeiträume wollen wir eindringlich für kleinräumigere und dezentralere Lösungen werben. Aus diesem Grund bitten wir um eine Revidierung dieser Entscheidung und eine Beteiligung der vielen Ehrenamtlichen in Bayern an einer sinnvolleren und menschenwürdigeren Lösung.

Mit freundlichen Grüßen,

Anna Westermann
Armin Brata
Frank Berndt
Isabel Löwentraut
Tanja Göller
David Kienle
Silvan Busse

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Kommentare: 9
  • #1

    Sabine Wittke (Montag, 04 Juli 2016 12:42)

    Da kann ich nur in allen Punkten zustimmen.
    Ehrenamtliche Unterstützung lässt viele Probleme, Missverständnisse und Konflikte gar nicht erst entstehen!
    Das spart auch noch Geld in den verschiedensten Bereichen! LG

  • #2

    Silvia Bock-Ende (Montag, 04 Juli 2016 21:28)

    Dem offenen Brief stimme ich in allen Punkten zu. Durch grosse Hilfsbereitschaft, Besonnenheit und überlegte Vorgehensweise wurde bisher ein Weg beschritten, der für ein zukünftiges Miteinander sinnvoll und lohnend ist. Die Entscheidung so viele geflüchtete Menschen an einem Ort unterzubringen bedroht alle bisherigen Bemühungen und Erfolge.

  • #3

    Bayer, Kathrin (Dienstag, 05 Juli 2016 09:35)

    Den Offenen Brief kann ich inhaltlich voll unterstützen. Gegen eine Unterbringung in einer großen Einrichtung spricht auch die Erfahrung, dass es dort viel schneller zu Konflikten kommt, die dann auch eskalieren können, sodass Polizeieisätze nötig werden.

  • #4

    Christine Peetz (Dienstag, 05 Juli 2016 10:20)

    Ich möchte die Petition unterstützen und stimme den im Brief genannten Punkten voll zu.
    Es gleicht einer Ghettoisierung und damit Isolierung, wenn wir so viele Menschen an einem Ort unterbringen und wir wollen keine Zweitgesellschaft sondern ein Miteinanderleben mit den geflüchteten Menschen.

  • #5

    Julia Wappmann (Dienstag, 05 Juli 2016 18:07)

    Ich unterstütze die Petition ebenfalls. Ich finde Massenunterkünfte menschenunwürdig, physisch und psychisch für alle Beteiligten belastend und jeder Integrationsbemühung entgegenwirkend. Ich will mit den geflüchteten Menschen leben und sie nicht ausgrenzen!

  • #6

    Jitka Svarc (Dienstag, 05 Juli 2016 21:28)

    Ich unterstütze die Petition im vollen Umfang. Es wäre an falscher Stelle gespart.

  • #7

    Friedericke Steiner (Mittwoch, 06 Juli 2016 10:06)

    Diese Vorgehensweise würde jeglicher Integration im Wege stehen!
    Und: Je kleiner die Gruppe desto friedlicher - je größer umso mehr Konfliktpotential ; das sagt einem doch der gesunde Menschenverstand!
    Ich frage mich, welche sich Politik dahinter versteckt...???

  • #8

    Fritz Miosga (Sonntag, 10 Juli 2016 11:59)

    Eigentlich muss jeder denkende und mitfühlende Mensch den Offenen Brief und die Petition unterstützen! Andererseits bin ich überzeugt, dass die bayerische Regierung sehr wohl die angeführten Argumente kennt, aber aus Angst vor Verlust von Wählerstimmen genau gegenteilig handelt.
    Es ist nun mal so: Die Reaktion der Bevölkerung hat sich geändert. Aber es wäre die verdammte Pflicht und Schuldigkeit einer christlich (oder auch ethisch) orientierten Regierung, hier Aufklärungsarbeit zu leisten und an das Gewissen einer Nation, die auch einmal in einer ähnlichen Situation war wie die Flüchtlinge heute, zu appellieren und jeden aufzufordern, nach seinen Kräften zu helfen. Wir sollten uns in Acht nehmen vor der Bigotterie derjenigen, die sich Christlich-Soziale nennen!
    Ich unterstütze die Petition aus voller Überzeugung.

  • #9

    Weller (Mittwoch, 13 Juli 2016 13:11)

    Massenlager gehen gar nicht.Sollen doch die Verantwortlichen selber mal in so ein lager gehen und das durchstehen!
    Mit solidarischen Gtüßen
    Heike Weller