Augen_Blicke [3]



Einblicke in das Praktikantenleben bei Bunt statt Braun.

 

In diesen Tagen - sowohl in der Öffentlichkeit, den Medien, als auch in meinem Praktikum - wird mir immer deutlicher, dass eine Kultur des Willkommenseins nicht mit kurzfristiger Soforthilfe verwechselt werden darf, sondern auf ein solides Fundament gebaut sein muss, damit sich eine offene und freundliche Kultur der Gemeinsamkeit entwickeln kann.


Durch das Mitwirken beim interkulturelle Fest zur Eröffnung des Tekirdag-Platzes wurde, mir klar, dass das was wir wirklich brauchen Begegnung ist. Eine einladende und offene Kultur der Inklusion und des gegenseitiges Kennen.Lernens. Wir befinden uns schnurstraks auf dem Weg in eine ganz neue Form gesellschaftlichen Miteinanders, die bei allen beteiligten mit großen Gefühlen, Hoffnungen und Ängsten, Sorgen und Ideen verbunden ist. Viele Menschen, kennen immer noch nur die Bilder aus den Medien und konnten sich kein eigenes Bild verschaffen - seien es Geflüchtete oder Deutsche.


Gestern durfte ich meine Familie in Bayreuth begrüßen und ihnen die Möglichkeit geben die Bilder aus den Nachrichten an der Realität zu prüfen und sich ein eigenes Bild zu machen (das ist nämlich oft besser als über Politik nur zu diskutieren). Ich hatte anfangs etwas Bedenken, wie das wohl wirken würde (wollte das ja nicht wie im Zoo aussehen lassen) und auch, ob ich damit vielleicht eher Missverständnis förder als Verständnis, vielleicht manche Vorurteile bestärke. Das mein Opa vielleicht überfordert ist und so manch anderes was einem da so durch den Kopfe gehen kann. Aber nein, im Gegenteil. Ich bin froh, dass wir so mutig waren und die Begegnug gewagt haben. Es war so viel schöner, als dieser vorsichtige Teil von mir befürchtet hatte! Es waren wunderbare Momente in der Berneckerstraße, als mein 80 jähriger Opa der weder Englisch noch Arabisch spricht mit sehr respektvollen syrischen jungen Männern in einen Austausch mittels Hand und Fuß kam und während meine Schwester und ihr Freund mit ihren Smartphones beim Freischalten und Aufladen einer neuen SIM-Karte assostierten. 


Ich finde wir als Stadt und Gesellschaft können uns ein beäugendes nebeneinadner her und übereinander hinweg, einfach nicht mehr erlauben, wenn wir eine gesunde und bunte Gesellschaft sein wollen! Jetzt haben wir die Chance diese neue Art des Zusammenlebens zu prägen. Dafür brauchen wir Mut über unsere Schatten und Bedenken zu springen, Offenheit für Begegnung, Kreativität neue gemeinsame Wege zu finden und vor allem menschliche Brücken, die uns verbinden und Räume eröffnen für ein echtes gemeinsames Kennen.Lernen.


Wir alle sind diese Brücken, wenn wir wollen!



4. September

Über das Da sein


Es macht mich sehr glücklich, einfach da zu sein mit den Menschen, die kaum da schon wieder weiter fahrn. Gestern Abend haben wir uns bei der Kleiderkammer schon kennengelernt. Heute begrüßen wir uns freudig und fröhlich im Sonnenschein des Paralleluniversums Wilhelm-Busch-Straße, die sich einmal wieder in den Bayreuther Fernbusbahnhof verwandelt, mit Menschen aus Afghanistan und Syrien und Pakistan und Irak und … ich weiß nicht woher heute noch. ‚Assalam-waleikum‘s und ‚kiifak?‘s werden ausgetauscht. Es geht ihnen gut, sie strahlen, die Kinder strahlen immer noch über ihre neuen Fußbälle, die sie gestern geschenkt bekommen haben. Wir fangen gleich an zu spielen und rumzublödeln nachdem alle Erwachsenen begrüßt wurden. Wie viel Spaß es macht, einfach mit diesem kleinen Jungen aus Syrien mit den großen Torwarthandschuhen seinen Fußball hin und her zu werden. Er strahlt jedes Mal mehr, je ausgefallener meine Wurfspünge werden, die er gleich darauf nachmacht. Dankbarkeit in meinem Herzen, dass ich grade hier sein darf, bei ihm, den Menschen, in der Sonne, die die Schrammen und Blessuren von der Flucht in seinem Gesicht erleuchten. Wir sind da. Unsere Welt erhellt.


Dann kommt der Bus. Eine Traube von Menschen bildet sich, um die Eingangstür, wo die Liste mit den Namen verlesen wird. Und ich erinnere mich wieder, dass die Menschen ja gar nicht wissen, wo sie grade sind, wo es hingehen wird, was sie erwartet, welche Schritte, wie lange es dauert, bis sie eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen und ihr Asylantrag durchgearbeitet wurde. Ich nutze den Moment und erkläre in meinem kleinen Arabisch, was ich weiß und erklären kann. Dass sie in Bayreuth nur kurz sind und dann im nächsten Camp (entweder auch in Bayern oder eine anderen Bundesland) wahrscheinlich länger bleiben werden, weil dort dann die medizinischen Untersuchungen und weitere Interviews stattfinden werden. Dass ich aber nicht weiß, ob das für sie 2 Wochen oder 2 Monate dauert, aber maximal ein halbes Jahr laut Gesetz. Wann die Kinder zur Schule gehen können, wollen sie wissen. Ich weiß es nicht. Aber sie freuen sich, dass sie jetzt wenigstens eine kleine Ahnung haben, was sie in der nächsten Zeit erwartet. Und ich merke, wie wichtig allein diese kleinen Momente sind. Momente der Begegnung, des Austauschs, des Informierens.


Als der Bus abfährt winken Kinderhände und Erwachsenenhände zum Abschied. Menschen strahlen. Ich strahle. Fiona und Philipp kamen auch vorbei, auch sie strahlen. Mein Brustkorb fühlt sich weit an und gefüllt von Dankbarkeit und Freude, diesen Menschen begegnet zu sein, Freunde des Moments geworden zu sein und sie mit einem guten Gefühl auf den nächsten Teil ihrer meist schon sehr langen und strapaziösen Reise gehen zu sehen. Sie haben mir gesagt, dass sie sehr froh sind endlich hier zu sein.