Augen_Blicke [2]



Einblicke in das Praktikantenleben bei Bunt statt Braun.

 

Bunt statt Braun, wie ein reifer Apfelbaum

Gerade fühlt es sich in meinem Praktikum an, als stünde ich vor einem Baum mit prächtigen reifen Äpfeln, die mich verlockend anlächeln und mir verführerisch zuflüstern "Ernte mich, ich bin ganz saftig". Ich liebe Äpfel. Ihre Schönheit besticht und mein Kopf spricht: Was für eine tragische Verschwendung, würde ich sie nicht ernten! Die sehen so lecker aus. 

Leider bin ich grade nur mit einem kleinen Korb hier, habe keine Saftpresse und weiß noch nicht wirklich, wie man einmacht. Was tun? So viele wie möglich jetzt essen? (Bauchschmerzen!) Möglichst viele in alle Taschen stecken? (Gehen, die mir dann Zuhause kaputt?) Zuerst einmal von Oma lernen, wie man einmacht? (Habe ich grade überhaupt die Zeit dazu?) Freunde anrufen? (Was wenn die auch vor einem Apfelbaum, wie diesem stehen?) Gemeinsam Lösungen finden?! Von allem ein bisschen?!

 

Die Arbeit bei Bunt statt braun, ist für mich wie dieser reife bunter Apfelbaum. Es gibt so viel, das mensch (jeder von uns) akut tun kann:

 

Einfach da sein, den Menschen in der Erstaufnahme Gesellschaft leisten und ihnen beim Ankommen zur Seite zu stehen. Begegnung leben, Freundschaft, Solidarität, SIM-Karten aktivieren, Fragen zum Asylverfahren beantworten, bei der Registrierung übersetzen, bei der Kleiderkammer helfen. Die Menschen danken uns (auf ihre Arte und Weise!) jede ehrliche Minute mit ihnen so sehr. 

 

Und darüberhinaus im Verein, Projekte organisieren, Kooperationen auf die Beine stellen, viele Motivierte Menschen integrieren, sich in den vielfältigen Arbeitsfeldern miteinbringen ...


Während ich grade lerne mit dem Überangebot an Dringlichkeit und Schönheit produktiv und kreativ umzugehen, hat sich deshalb die Veröffentlichung meiner verschriftlichen Erfahrungen etwas verzögert. Da ein Blog ja gerne von Aktuellem berichtet, versuch ich für die nächsten Male, immer eine aktuellere mit einer älteren Erfahrungen zu mischen. Ich hoffe der Mix gelingt.

 

Viel Spaß beim Weiterlesen und Aktiv werden :)



Donnerstag 3. September

Ein ruhiger Morgen in der Erstaufnahme. Es wirkt etwas, wie in einem Café an einem trüben Tag. Menschen, die mit einem Plastikbecher Tee oder Kaffee und ihrem Handy, manchmal etwas zum Lesen an Biertischen sitzen und warten. Die meisten scheinen den trüben Morgen jedoch zu nutzen, um einfach etwas länger zu schlafen oder sich auszuruhen im Massenschlafsaal neben an. Eine Lieferung für die Essensausgabe kommt und Geflüchtete helfen gemeinsam mit der Security beim Ausräumen. Die Securities witzeln mit mir, wie mit jedem herum. Ob ich mich mit dem Bügeleisen gestritten hätte, will einer wissen. Meine Hose hätte es echt nötigt – recht hat er ;P. Er fragt nach meinem Namen und verspricht mir nächstes Mal eins mitzubringen.


Bügeleisen hatte ich zwar keins Zuhause, aber dafür habe ich heute meine Trommel mitgenommen. Nur scheint grade echt nicht der richtige Moment für laute, rhythmische Musik und Tanzen zu sein, wenn noch so viele im Behelfsschlafsaal nebenan liegen. Auch wenn manch einer gerne spielen würde und auch schon ein paar Tanzschritte andeutet.

 

Ich entscheide mich, das mit der Musik zu vertragen und setze mich zu den Herren draußen und werde neugierig begrüßt. Hallo - Wie geht’s auf Englisch. Lächeln. Kurze Pause. Woher kommst du? – Kaschmir. Und dann wechseln wir auf Urdu und die Verwunderung und Freude ist groß. Woher bist du? Was aus Deutschland? Was machst du hier? Warum kannst du Urdu? Die Wilhelm-Busch-Straße verwandelt sich kurz in Pakistan, während wir für einen Moment erzählen und uns freuen. Es ist immer wieder wunderschön zu erleben, wie viel Freude es den Menschen macht, mit jemanden von hier, der gar nicht danach aussieht, ihre Sprache zu sprechen. Ich stelle es mir als ein sich Willkommenfühlen vor.

 

Jemand kommt mit einer neuen SIM-Karte und fragt mich (auf Arabisch und Englisch), ob ich ihm helfen kann sie zu aktivieren. Schade, dass ich selber weder Handy noch Internet dabei habe, um das zu machen. Er bedankt sich trotzdem freundlich. Scheinbar allein schon froh über den kurzen Austausch.

 

Zuleman, frisch fertig studierter Zahnarzt aus Syrien, hat gesehen, das wir gesprochen haben und fragt, ob ich ihm helfen kann zu seiner Familie nahe bei München transferiert zu werden. Er ist heute Morgen hier angekommen (aus München) und hat Angst, nach Berlin, Düsseldorf oder anderswo weit weg verlegt zu werden. Er möchte nicht aus Bayern weg, sagt er. Wir reden Englisch.
Ich weiß zwar nicht, wie ich ihm helfen kann, aber hoffe, dass die Menschen von der Außenstelle des Regierung im Büro gegenüber das können. Die kümmern sich, um all die vielen Menschen und ihre Transfers. Sie verstehen sofort, bitten um einen Moment Geduld, schauen nach. Zuleman versteht bei all dem Deutsch und aus Sorge nur noch Düsseldorf, ich versuche ihn zu ermutigen. Die Dame von der Regierung kommt wieder und erklärt mir, dass er nicht aus Bayern transferiert wird, sondern heute Nachmittag nach Zirndorf kommt. Dort werden dann in den nächsten Wochen die notwendigen medizinischen Untersuchungen und Röntgenaufnahmen gemacht, bevor er weiterverlegt wird. Dort empfiehlt sie ihm bei der Caritas einen Umverteilungsantrag zu stellen. Um die Familienzusammenführung kümmern sich in Deutschland nämlich in erster Linie soziale Organisationen. Die Regierung scheint dazu bei der Registrierung erst einmal keine Kapazitäten zu haben, obwohl es den Menschen sehr viel Angst und Unsicherheit nehmen würde.

 

Zuleman ist beruhigt, auch wenn es noch eine ganze Weile dauern kann, bis er seine Familie trifft. Ich sehe, wie viel es ausmachen kann, allein zu wissen, wohin es geht und was passieren wird. Aber das wissen leider die wenigsten der ankommenden Flüchtlinge, denn vor lauter Andrang und mangelnder Organisation, kommt die Information viel zu kurz. Der Ungewissheit der Flucht folgt die Undurchsichtigkeit des Asylverfahrens. Leben in der Schwebe. Irgendwo dazwischen, viele Menschen wissen nicht einmal, wo sie gerade (angekommen) sind.

 

Beirut?!